Hybrid und Öl: Läuft der Motor wirklich kaum?
Oder warum das Öl im Hybrid nicht langsamer altert
In dieser Rubrik: 12 Artikel
- Wie oft sollte man das Öl wechseln?
- Empfehlungen des Fahrzeugherstellers
- Wie berechnen die Hersteller das Wechselintervall?
- Wechselintervall beim Öl (Longlife)
- Welche Faktoren verkürzen das Wartungsintervall?
- Wie bestimmt man das Ölwechselintervall?
- Ölwechselintervall heute: Longlife, Serviceanzeige und Kurzstrecken
- Zur Häufigkeit des Ölwechsels
- Kurz und bündig: zu den „Schneeglöckchen“ ...
- Kurz und bündig: das „Wochenend“-Auto ...
- Kurz und bündig: zum Stau ...
- Hybrid und Öl: Läuft der Motor wirklich kaum?
Händler von gebrauchten Hybridfahrzeugen erzählen gern immer dasselbe: Das Auto fahre ja überwiegend elektrisch, der Benzinmotor „helfe“ nur ab und zu mit, also könne das Öl darin getrost doppelt so lange bleiben. Das klingt logisch, und Käufer, die das glauben, gibt es genug. Aber das Öl in einem solchen Motor altert nicht langsamer. In der Regel ist es sogar umgekehrt.
Ja, der Motor eines Hybrids läuft tatsächlich weniger Stunden als der eines normalen Autos mit demselben Kilometerstand. Nur altert Öl nicht durch die Kilometer auf dem Tacho: Es wird „verbraucht“ durch Kaltstarts, Kondenswasser, Kraftstoff im Kurbelgehäuse und schlicht durch die Zeit. Und genau damit hat der Hybrid die schlechteren Karten.
Wie der Motor eines Hybrids arbeitet
Ein normaler Motor wird gestartet und läuft, bis Sie ihn abstellen: Nach wenigen Kilometern ist er warm, und von da an ist das Öl durchgehend heiß. Beim Hybrid (egal ob Vollhybrid oder Plug-in-Hybrid) steuert die Elektronik den Motor, und ihre Aufgabe ist eine einzige: so wenig Kraftstoff wie möglich zu verbrennen. Beim Anfahren, im Stau, bei niedrigem Tempo wird das Auto häufig vom Elektromotor bewegt, während der Benziner steht. Wird mehr Leistung gebraucht oder ist die Batterie leer, springt der Motor an, läuft ein paar Minuten und geht wieder aus. (Beim sogenannten Mildhybrid arbeitet der Motor fast wie in einem normalen Auto mit Start-Stopp-Automatik; alles Folgende gilt daher vor allem für Voll- und Plug-in-Hybride.)
So wird der Motor eines Hybrids auf einer Fahrt durch die Stadt immer wieder gestartet und abgestellt, und richtig warm zu werden schafft er oft schlicht nie. Das ist wie bei einem Wasserkocher, den man ständig einschaltet und jedes Mal eine Minute vor dem Kochen wieder ausschaltet: Kochendes Wasser gibt es nie. Für das Öl bedeutet ein Hybrid, der überwiegend in der Stadt und auf Kurzstrecken gefahren wird, genau die „schweren Betriebsbedingungen“, nur in noch härterer Ausführung. Sie waren schon Thema im Artikel darüber, welche Faktoren das Serviceintervall verkürzen: unregelmäßiges Fahren, Kurzstrecken, auf denen der Motor nicht warm wird, Stau. Ein Hybrid in der Stadt sammelt sie alle auf einmal.
Der Plug-in-Hybrid hat seinen eigenen Extremfall. Wer ihn jeden Tag zu Hause lädt und nicht weit fährt, bei dem startet der Benzinmotor unter Umständen wochenlang nicht. Das Öl steht währenddessen mitsamt dem Kondenswasser, das sich im Kurbelgehäuse gebildet hat, und dann springt der Motor an – und wieder nur kurz.
Nicht zufällig prüfen die Additivhersteller Öle für Hybridmotoren nach eigenen, härteren Programmen. Der Aufdruck „für Hybride“ auf dem Kanister ersetzt aber die Freigabe des Fahrzeugherstellers nicht.
Wasser und Kraftstoff im Öl
Bei der Verbrennung von Benzin entsteht reichlich Wasserdampf. Der größte Teil davon geht durch den Auspuff, ein Teil gelangt jedoch mit den Gasen, die an den Kolbenringen vorbeiblasen, ins Kurbelgehäuse. Solange der Motor heiß ist, trägt die Kurbelgehäuseentlüftung diesen Dampf zurück in den Ansaugtrakt und von dort durch die Zylinder in den Auspuff. Im kalten Motor schlägt er sich an den kalten Wänden nieder und gelangt ins Öl; vermischt mit Verbrennungsprodukten wird daraus eine ziemlich wirksame Säure. Dasselbe Kondenswasser, das einem lange stehenden Auto zusetzt, sammelt sich im Hybrid selbst dann an, wenn er täglich gefahren wird.
Mit dem Kraftstoff ist es ähnlich. An den kalten Zylinderwänden verbrennt ein Teil des Benzins nicht rechtzeitig, läuft an den Ringen vorbei ins Kurbelgehäuse und verdünnt das Öl. Aus einem warmen Motor verdunsten die leichten Kraftstofffraktionen später wieder, in einem Motor, der nie warm wird, bleiben sie, wo sie sind. Wasser und Öl ergeben eine Emulsion, Kraftstoff verdünnt das Öl: Das Öl oxidiert schneller, schmiert schlechter, und die Teile im Motor beginnen zu rosten.
Dazu kommt Bioethanol: In Europa ist Benzin mit bis zu 10 % davon (E10) längst normal, und Alkohol zieht Wasser bereitwillig an. Mehr zu Kraftstoff und Alkohol im Öl steht im Artikel über das Ölwechselintervall heute.
Was am Ölmessstab zu sehen ist
Einiges davon lässt sich auch ohne Labor erkennen. Ziehen Sie ab und zu den Ölmessstab heraus und werfen Sie einen Blick unter den Öleinfülldeckel. Schalten Sie aber vorher das Hybridsystem vollständig aus (die Anzeige READY muss erloschen sein): Der Motor eines Hybrids kann ohne Vorwarnung von selbst anspringen.
1. Ein weißlicher Belag, der an Mayonnaise erinnert, unter dem Einfülldeckel oder am Ölmessstab ist Wasser. Im Winter findet sich nach Kurzstrecken auch bei einem gesunden Motor etwas von diesem Belag unter dem Deckel: Das ist dasselbe Kondenswasser. Verschwindet die „Mayonnaise“ aber selbst nach einer langen Autobahnfahrt nicht und sinkt zugleich der Stand der Kühlflüssigkeit im Ausgleichsbehälter allmählich, warten Sie nicht bis zum Ölwechsel, sondern fahren Sie zu einem erfahrenen Mechaniker. Höchstwahrscheinlich ist dann schon Frostschutzmittel im Öl.
2. Der Ölstand steigt zwischen den Wechseln. Lächeln Sie nicht – auch das kommt vor: Am Ölmessstab ist mehr Öl als nach dem Wechsel. Von selbst vermehrt es sich nicht, also sind Kraftstoff und Wasser ins Kurbelgehäuse gelangt.
3. Der Ölmessstab riecht nach Benzin. Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich Kraftstoff im Öl sammelt und nicht rechtzeitig verdunstet.
Die Farbe des Öls sagt dagegen wie immer nichts: Dunkles Öl ist nicht unbedingt altes Öl, und helles ist nicht unbedingt noch brauchbar.
Welches Öl und wie oft
Wie oft muss man das Öl im Hybrid denn nun wechseln, fragen Sie? Das Wechselintervall im Serviceheft hat in der Regel zwei Grenzen: so und so viele tausend Kilometer oder so und so viele Monate – je nachdem, was zuerst eintritt. Und Autos, die das Intervall selbst berechnen, berücksichtigen nicht nur die Laufleistung, sondern auch Drehzahlen, Temperatur, verbrannten Kraftstoff und Zeit. Bei einem Auto, das viel gefahren wird, laufen meist zuerst die Kilometer ab, bei einem, das wenig und nur in der Stadt bewegt wird, die Monate. Und denken Sie daran, dass der Tacho auch die Kilometer mitzählt, die der Hybrid elektrisch gefahren ist. Wechseln Sie das Öl also nach der Grenze, die zuerst erreicht wird, und dehnen Sie das Intervall nicht aus, nur weil der „Motor kaum gelaufen ist“.
Eine nützliche Gewohnheit: Lassen Sie den Motor zumindest ab und zu richtig warm werden – bei einer Fahrt über Land, nicht zum Supermarkt und zurück. Im heißen Motor verdunstet ein erheblicher Teil des Wassers und der leichten Kraftstofffraktionen aus dem Öl. Besitzer von Plug-in-Hybriden sollten für eine solche Fahrt außerdem den Modus einschalten, in dem der Benzinmotor läuft: Mit voller Batterie kann das Auto aufs Land und zurück fahren, ohne ihn auch nur einmal zu starten.
Nun zum Öl selbst. Hybride, besonders japanische, sind oft für sehr dünnflüssige Öle ausgelegt: In manche Hybride von Toyota wird ab Werk 0W-16 eingefüllt, in einen Teil sogar 0W-8 nach dem japanischen Standard JASO GLV-1. Warum solche Öle gerade diese Motoren brauchen und sonst niemand, lesen Sie im Artikel über extrem dünnflüssige Öle 0W-16 und 0W-8.
Mancher sieht am Ölmessstab ein Öl, das sich dünn anfühlt, hält das für einen Fehler des Herstellers und füllt vorsichtshalber etwas Dickeres ein. Ich wiederhole es noch einmal: Die Viskosität des Öls muss den Vorgaben des Fahrzeugherstellers entsprechen, und der Hybrid ist da keine Ausnahme. Dickeres Öl vertreibt weder Wasser noch Kraftstoff aus dem Motor – es erreicht nur langsamer die Reibstellen, und zwar in jenen ersten Sekunden nach jedem der zahlreichen Starts, in denen der Motor die Schmierung am nötigsten braucht. Und natürlich gilt: Außer dem Öl gehört NICHTS in den Motor – weder „gegen Wasser“ noch „gegen Verschleiß“.
Unterm Strich also: Das Öl im Hybrid „ruht“ nicht, sondern arbeitet unter Bedingungen, die in der Regel härter sind als in einem normalen Auto. Wechseln Sie es nicht seltener, als das Serviceheft es vorschreibt, und wenn das Auto in der Stadt lebt, lieber öfter. Geschichten vom Motor, der „kaum gelaufen ist“, überlassen Sie den Gebrauchtwagenhändlern.
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