Welche Öle und Flüssigkeiten braucht ein Elektroauto?
Oder braucht ein Elektroauto wirklich kein Öl?
In dieser Rubrik: 12 Artikel
- Kurz und bündig: zum Wechsel des Getriebeöls
- Die Wahl der Kühlflüssigkeit
- Kühlflüssigkeit
- Kurz und bündig: Getriebeöle
- Tosol und Frostschutzmittel, die Betriebsflüssigkeiten unseres Autos
- Ethylenglykol und andere Errungenschaften zum Schutz des Autos
- Anti-Gel-Additive im Winter einsetzen
- Was ist Frostschutzmittel?
- Frostschutzmittel heute: G12evo, G13 und warum die Farbe nichts verrät
- Bremsflüssigkeit DOT 4 LV: Was füllt man nach und wann wechselt man?
- ATF, CVT und DSG: Was gehört in moderne Getriebe?
- Welche Öle und Flüssigkeiten braucht ein Elektroauto?
Am überzeugendsten erzählen Gebrauchtwagenhändler von Elektroautos: „Hier muss man nichts wechseln: kein Öl, keine Filter, keine Riemen. Laden und fahren.“ Zuhörer haben sie genug. In der Ukraine zum Beispiel kamen 2025 rund 110 000 Elektroautos hinzu, doppelt so viele wie im Jahr davor, und etwa jedes vierte eingeführte Auto war ein elektrisches: Die Käufer beeilten sich, die Mehrwertsteuerbefreiung für die Einfuhr mitzunehmen, die bis Ende 2025 galt. So stellen sehr viele Autofahrer die Frage: „Was gibt es da überhaupt zu wechseln?“
Motoröl gibt es im Elektroauto tatsächlich nicht, denn es fehlt der Motor, der es braucht. (Wenn Sie einen Hybrid fahren, ist das eine ganz andere Geschichte: Dort gibt es einen Verbrenner, und das Öl arbeitet in ihm unter sehr schwierigen Bedingungen, dazu gibt es einen eigenen Artikel: Hybrid und Öl.) Aber „kein Motoröl“ heißt keineswegs „weder Öl noch Flüssigkeiten“. Reduktionsgetriebe, Batterie, Bremsen und Klimaanlage haben ihre eigenen, und jede ist genau auf diese Konstruktion ausgelegt. Noch einmal: Einzufüllen ist das, was der Fahrzeughersteller vorgesehen hat, und für ein Elektroauto gilt diese Regel sogar strenger als für ein gewöhnliches Auto.
Reduktionsgetriebe und E-Fluids
Ein Getriebe im gewohnten Sinn hat ein Elektroauto in der Regel nicht: Der Elektromotor dreht in einem sehr breiten Drehzahlbereich, und zwischen ihm und den Rädern sitzt ein Reduktionsgetriebe, ein, zwei Zahnradpaare und ein Differenzial. Zahnräder müssen geschmiert werden, also gibt es dort Öl. In einfachen Worten: Das Öl im Reduktionsgetriebe eines Elektroautos ist ein Getriebeöl, das obendrein neben der Elektrik arbeiten muss.
Denn in modernen Konstruktionen (man nennt sie E-Achse, e-axle) sind Motor, Reduktionsgetriebe und Elektronik in einem Gehäuse vereint, und das Öl umspült nicht selten die Wicklungen des Elektromotors. Deshalb verlangt man von ihm, was von einem gewöhnlichen Getriebeöl nie jemand verlangt hat:
1. Keinen Strom leiten. Das Öl muss ein guter Isolator sein, sonst droht den Wicklungen ein Durchschlag.
2. Kupfer nicht angreifen. Die Wicklungen sind aus Kupfer, und die Additive vieler normaler Getriebeöle enthalten aktiven Schwefel, mit dem Kupfer nicht lange lebt.
3. Wärme abführen. Ein solches Öl kühlt den Motor zusätzlich, es muss ihm also gut Wärme entziehen.
Das Öl in einem solchen Getriebe funktioniert ungefähr wie die Isolierung der Leitungen in Ihrer Wohnung: Solange sie intakt ist, denkt niemand daran, und sobald sie nicht mehr isoliert, denken alle sofort daran. Deshalb schreiben die Autohersteller für ihre Getriebe eine konkrete Flüssigkeit vor: in neueren Konstruktionen immer öfter ein eigenes E-Fluid (e-fluid), in manchen Modellen ein bestimmtes ATF mit hauseigener Spezifikation, und dann kommt nur dieses infrage. Die Aufschrift „ATF“ oder „75W-90“ auf dem Kanister sagt nichts darüber, ob dieses Öl für Ihr Reduktionsgetriebe taugt: Das sagt Ihnen nur die Dokumentation des Autos.
Und was ist mit „Lebensdauerfüllung“? Bei einem Teil der Modelle steht es tatsächlich so da: Einen planmäßigen Ölwechsel im Reduktionsgetriebe sieht der Hersteller nicht vor. Bei anderen nennt das Serviceheft ein Wechselintervall wie bei einem normalen Getriebe. „Lebensdauerfüllung“ heißt nur „ohne planmäßigen Wechsel“, nicht „für immer“: Lecks gibt es auch beim Elektroauto, und nach einer Reparatur des Reduktionsgetriebes muss ohnehin nachgefüllt werden, und zwar nur das, was in der Dokumentation steht.
Batteriekühlung
Die Batterie mag weder Hitze noch Frost, deshalb haben viele Elektroautos für sie (und nebenbei für Motor und Elektronik) einen eigenen Kühlkreislauf mit Flüssigkeit; in manchen Modellen wird die Batterie allerdings nur mit Luft gekühlt. Äußerlich ist es dieselbe Anlage wie bei einem normalen Motor, aber die Anforderungen sind andere. Die Hersteller von Kühlflüssigkeiten bringen bereits eigene Flüssigkeiten für Elektroautos heraus, mit verringerter elektrischer Leitfähigkeit: Gerät eine solche Flüssigkeit unter Hochspannung, darf sie keinen Strom leiten und sich nicht unter Wasserstoffbildung zersetzen.
Das Wichtigste entscheidet aber auch hier der Fahrzeughersteller. Ein Beispiel aus seinen eigenen Unterlagen: Für den elektrischen Audi e-tron erlaubt der Hersteller nur eine einzige Kühlflüssigkeit, G12evo (dieselbe wie für normale Audi), und keine andere.
Die Farbe sagt hier wie im normalen Auto nichts: Die Farbe der Kühlflüssigkeit ist nur ein Farbstoff, nicht ihre chemische Zusammensetzung. Ein „universelles“ Frostschutzmittel, das laut Etikett „für alle Marken passt“, ist im Elektroauto deshalb ein Glücksspiel, und der Einsatz ist die Batterie. Welche Additivpakete es gibt und warum man sie nicht mischen darf, lesen Sie im Artikel über moderne Frostschutzmittel.
Bremsflüssigkeit
Ein Elektroauto bremst überwiegend mit dem Elektromotor: Die Energie fließt in die Batterie zurück, und Beläge und Scheiben arbeiten deutlich weniger. Daher noch ein „nützlicher“ Rat: Die Bremsen arbeiteten ja kaum, also müsse man auch die Flüssigkeit nicht wechseln. Falsch: Bremsflüssigkeit altert nicht durch Arbeit, sondern durch Zeit. Sie nimmt Feuchtigkeit aus der Luft auf, und je mehr Wasser sie enthält, desto niedriger liegt der Siedepunkt. Der amerikanische Standard FMVSS 116, auf den sich die DOT-Kennzeichnung bezieht, legt nicht umsonst zwei Mindestsiedetemperaturen fest: für die frische und für die „feuchte“ Flüssigkeit. Gewechselt wird sie also nach der Zeit, die im Serviceheft steht, ganz gleich, wie viel (oder wie wenig) Sie bremsen. Womit genau befüllt wird und warum auf manchen Kanistern „LV“ steht, lesen Sie im Artikel über die Bremsflüssigkeit DOT 4 LV.
Klimaanlage
Vom Öl des Klimakompressors spricht man meist nur beim Befüllen der Klimaanlage, zu Unrecht. Der Kompressor im Elektroauto wird von einem eigenen Elektromotor angetrieben, und sein Öl muss ebenfalls ein Isolator sein. Das normale Öl für Kompressoren in Autos mit Verbrennungsmotor (PAG) taugt dafür nicht: Schon eine kleine Beimischung verdirbt die Isolierung, und manche Autohersteller verlangen in diesem Fall den Tausch der gesamten Klimaanlage. Vergewissern Sie sich also vor dem Befüllen der Klimaanlage, dass der Mechaniker weiß, dass er ein Elektroauto vor sich hat, und das Öl einfüllt, das der Hersteller vorgesehen hat.
Was gewechselt wird und wann
Das hier verlangt beim Elektroauto also doch Aufmerksamkeit:
1. Das Öl (E-Fluid) im Reduktionsgetriebe. Nach dem Serviceheft; steht dort „ohne Wechsel“, achten Sie darauf, ob es nicht leckt.
2. Die Kühlflüssigkeit. Nur die, die der Hersteller angegeben hat, und mit seinem Intervall.
3. Die Bremsflüssigkeit. Nach der Zeit, wie in jedem anderen Auto.
4. Das Öl im Klimakompressor. Nur das, was der Hersteller für dieses Auto vorgesehen hat.
Wie Sie sehen, ist „Man muss nichts wechseln“ ein Werbespruch des Verkäufers und keine Betriebsanleitung. Im Elektroauto gibt es weniger Flüssigkeiten als im gewöhnlichen, dafür ist jede anspruchsvoller, und ein „Analogon“ kann hier noch teurer kommen; darüber war schon im Artikel über Analoga und Ersatzprodukte die Rede. Schauen Sie ins Serviceheft, und wenn es keins gibt (bei einem eingeführten Gebrauchtwagen kommt das öfter vor, als einem lieb ist), fragen Sie beim offiziellen Vertreter der Marke nach, was wann gewechselt werden muss. Und ist die Vorgeschichte des Autos unbekannt, ist es klüger, die Bremsflüssigkeit gleich zu wechseln, ohne zu warten.
Weiterführende Artikel: