„Synthetik“ auf dem Etikett: Was steckt wirklich im Kanister?
Oder: Kann man dem Wort „synthetic“ auf dem Kanister trauen?
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Im Regal stehen drei Kanister mit derselben Viskosität. Auf dem ersten steht in großen Buchstaben „100 % Synthetik“, auf dem zweiten bescheidener „synthetische Technologie“, und auf dem dritten, einem deutschen, ein rätselhaftes „HC-Synthese“. Der Verkäufer empfiehlt natürlich den ersten, der sei ja „echt“. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Tatsächlich bedeutet das Wort „Synthetik“ auf dem Etikett längst fast nichts mehr. Was Hydrocracken ist, haben wir schon in einem eigenen Artikel besprochen: In einfachen Worten ist es eine tiefgehende chemische Aufbereitung des Erdölgrundöls, nach der es in seinen Eigenschaften einem synthetischen nahekommt. Wie aber ein HC-Öl zur „Synthetik“ wurde und was ein Käufer daraus wissen sollte, versuchen wir hier zu klären.
Fünf Grundölgruppen
Zunächst etwas Ordnung bei den Begriffen. Das American Petroleum Institute (API) teilt in seinem Lizenzierungssystem für Motoröle alle Grundöle in fünf Gruppen ein. Maßgeblich sind dabei nicht die Worte auf dem Etikett, sondern messbare Parameter: der Gehalt an gesättigten Kohlenwasserstoffen, der Schwefelgehalt und der Viskositätsindex (je höher er ist, desto weniger wird das Öl beim Erwärmen dünnflüssig).
Gruppe I. Klassisches mineralisches Grundöl, auf die alte Weise mit Lösungsmitteln von unerwünschten Beimengungen befreit. Es enthält weniger als 90 % gesättigte Kohlenwasserstoffe oder mehr als 0,03 % Schwefel, der Viskositätsindex liegt zwischen 80 und 120.
Gruppe II. Dasselbe Erdöl, aber mit Wasserstoff gereinigt (Hydrotreating, oft schon mit mäßigem Hydrocracken). Mindestens 90 % gesättigte Kohlenwasserstoffe, höchstens 0,03 % Schwefel, derselbe Viskositätsindex von 80 bis 120. Auf dem Etikett steht hier in der Regel immer noch „Mineralöl“.
Gruppe III. Derselbe Erdölrohstoff nach tiefem Hydrocracken unter härteren Bedingungen: Die Anforderungen an Schwefel und gesättigte Kohlenwasserstoffe sind wie bei Gruppe II, der Viskositätsindex beträgt aber mindestens 120. Genau das ist das HC-Öl, und genau das nennt man auf dem Kanister am häufigsten „Synthetik“.
Gruppe IV. PAO (Polyalphaolefine) sind Synthetik im eigentlichen Sinn des Wortes: Dieses Grundöl wird nicht aus Erdöl gewonnen, sondern in einer Chemieanlage synthetisiert.
Gruppe V. Alles, was nicht in die ersten vier Gruppen passt, vor allem Ester (Carbonsäureester).
Beachten Sie: Das Wort „Synthetik“ kommt in dieser Klassifikation überhaupt nicht vor. Es gibt Gruppen, und wie man das Öl auf dem Kanister nennt, entscheidet die Marketingabteilung.
Wie Hydrocracken zur „Synthetik“ wurde
Noch Ende der 1990er Jahre nannte man in der Werbung für Motoröle meist Öle auf PAO-Basis „Synthetik“. Dann stellte Castrol sein synthetisches Öl für den amerikanischen Markt auf ein Hydrocrack-Grundöl der Gruppe III um, ließ das Wort „synthetisch“ aber auf dem Kanister stehen. Mobil legte Beschwerde ein. Über sie entschied kein Gericht, sondern die National Advertising Division (NAD) des amerikanischen Better Business Bureau, eine Selbstkontrollstelle der Werbewirtschaft. Im April 1999 folgte sie der Argumentation von Castrol: Ein Öl auf Basis der Gruppe III darf als synthetisch beworben werden. Mobil focht diese Entscheidung nicht an.
Was dann geschah, kann man sich leicht denken. Hydrocracken ist viel billiger als Synthese, und das Wort „Synthetik“ verkauft sich besser, also stellten die meisten großen Hersteller ihre „synthetischen“ Öle auf die Gruppe III um. Ungefähr wie die „hausgemachte“ Wurst im Supermarkt: Niemand hat versprochen, dass sie zu Hause gemacht wurde. Deshalb lässt sich ein HC-Öl am Etikett in der Regel nicht von einem synthetischen unterscheiden (mehr dazu im Artikel Wie erkennt man ein HC-Öl).
Die deutsche Ausnahme: HC-Synthese
Nicht überall wurde das hingenommen. In Deutschland verklagte ein Hersteller einen Wettbewerber, der ein Öl auf Hydrocrack-Basis als „vollsynthetisches Motoröl der neuen Generation“ (vollsynthetisch) beworben hatte. Das Landgericht Köln wies die Klage 2015 ab, das Oberlandesgericht Köln untersagte die Formulierung, und am 21. Juni 2018 bestätigte der Bundesgerichtshof (BGH, Az. I ZR 157/16) dieses Verbot.
Die Logik des Gerichts ist einfach und meiner Meinung nach vernünftig: Wer die Worte „vollsynthetisch“ liest, erwartet eine eigene, teurere Kategorie, nämlich Grundöle der Gruppe IV oder V, also PAO oder Ester. Steckt im Kanister aber Hydrocracköl, wird er irregeführt.
Neue Begriffe hat das Gericht nicht erfunden. Doch deutsche Etiketten sind heute ehrlicher: Öle auf Basis der Gruppe III werden dort üblicherweise als „HC-Synthese“ bezeichnet (HC steht für englisch hydrocracking, also Hydrocracken). Diese Buchstaben auf einem deutschen Kanister stehen also für ein ehrlich benanntes HC-Öl und nicht für etwas Schlechteres.
Man muss allerdings eines verstehen: Das ist eine deutsche Regel. Weder in der EU insgesamt noch in der Ukraine gibt es eine juristische Definition von „Synthetik“ für Motoröl. Auf den meisten Märkten kann das Wort „synthetic“ auf dem Kanister also PAO, Ester und Hydrocracköl der Gruppe III gleichermaßen bedeuten.
GTL, PAO, Ester: was heute wo steckt
Inzwischen ist auch das Hydrocracken selbst nicht stehen geblieben.
Erstens haben sich Grundöle verbreitet, die in der Branche inoffiziell III+ heißen: Hydrocracken mit besonders hohem Viskositätsindex. Eine eigene Gruppe für sie gibt es in der API-Klassifikation nicht, formal ist es dieselbe Gruppe III.
Zweitens sind GTL-Grundöle (gas-to-liquids, also „Gas zu Flüssigkeit“) aufgekommen, die nicht aus Erdöl, sondern aus Erdgas hergestellt werden. Das bekannteste Beispiel ist die Anlage Pearl GTL von Shell in Katar, die seit 2011 Grundöl produziert. Der Rohstoff ist ein anderer, nach der API-Klassifikation ist es aber ebenfalls Gruppe III.
Im Ergebnis bilden heute gerade die Gruppen III und III+ die Basis der meisten Öle mit dem Aufdruck „Synthetik“ und haben die PAO aus vielen Rezepturen „vollsynthetischer“ Öle verdrängt.
PAO und Ester sind aber nicht verschwunden. Man verwendet sie weiterhin, meist in teuren und Rennsport-Ölen sowie in 0W-Ölen, bei denen niedrige Verdampfungsneigung und Fließfähigkeit bei Frost besonders wichtig sind. Nur lässt sich das auf dem Etikett längst nicht immer nachlesen: Die Zusammensetzung des Grundöls ist Betriebsgeheimnis des Herstellers, und „synthetic“ darf er auf jedes davon schreiben.
Was bedeutet das für den Käufer?
Heißt das alles, dass „Synthetik“ auf Basis der Gruppe III ein Betrug ist und man Sie übers Ohr gehauen hat? Nein. Ein hochwertiges Öl auf Basis der Gruppe III mit den nötigen Freigaben ist weder eine Fälschung noch „unechte“ Synthetik, sondern ein normales, modernes Motoröl. Die Freigabe erteilt der Fahrzeughersteller nach Prüfung des fertigen Öls, nicht nach dem Namen seines Grundöls. Und hat das Öl diese Prüfungen bestanden, ist es Ihrem Motor gleichgültig, ob sein Grundöl aus Erdöl, aus Gas oder aus der Chemieanlage stammt.
In der Praxis läuft es daher auf einige einfache Regeln hinaus.
1. Achten Sie auf Freigaben, Qualitätsklassen und Viskosität, die der Hersteller Ihres Autos verlangt, nicht auf das Wort „synthetic“. Sie, nicht der große Aufdruck, entscheiden, ob das Öl zu Ihrem Motor passt (mehr dazu im Artikel Was sind Ölfreigaben). Und denken Sie daran: „erfüllt die Anforderungen“ auf dem Kanister ist noch keine Freigabe, sondern nur ein Versprechen des Ölherstellers selbst.
2. Zahlen Sie nicht für ein Wort drauf. Hat ein Öl auf PAO- oder Esterbasis dieselben Freigaben wie ein Hydrocracköl und kostet spürbar mehr, entscheiden Sie selbst, ob der Unterschied das Geld wert ist. Die Anforderungen des Herstellers Ihres Autos erfüllen beide.
3. Synthetik ist längst nicht immer nötig. Wird ein Öl mit der nötigen Freigabe und Viskosität auf dem Etikett als teilsynthetisch oder mineralisch bezeichnet, schadet es dem Motor nicht (dazu der Artikel Was ist besser: vollsynthetisch oder mineralisch).
4. Eine Fälschung ist etwas ganz anderes. Eine Fälschung ist eine unbekannte Flüssigkeit im Kanister einer bekannten Marke, die weder mit dem Aufdruck noch mit den Freigaben etwas zu tun hat. Wie man sie nicht kauft, steht im Artikel Wie kauft man kein gefälschtes Öl.
Noch einmal: Motoröle teilen sich nicht in synthetische, HC- und mineralische, sondern in solche, die für Ihren Motor geeignet sind, und solche, die es nicht sind (siehe den Artikel Darf man HC-Öle verwenden). Das Wort „Synthetik“ auf dem Etikett garantiert gar nichts, es zählen allein die Freigaben, Qualitätsklassen und die Viskosität, die der Fahrzeughersteller verlangt.