Bremsflüssigkeit DOT 4 LV: Was füllt man nach und wann wechselt man?
Oder warum auf dem Kanister jetzt „LV“ steht
In dieser Rubrik: 12 Artikel
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Die Situation ist bekannt: Bei der Inspektion zeigt der Mechaniker auf den Behälter, in dem die Bremsflüssigkeit bis zur unteren Markierung steht, und rät zum Nachfüllen. Im Laden stehen im Regal DOT 4, DOT 4 Plus, Super DOT 4, DOT 4 LV, DOT 5.1, und der Verkäufer sagt selbstsicher, „das ist alles dasselbe, nehmen Sie irgendeine Vier“. Tatsächlich ist es nicht ganz so. Die Bremsflüssigkeit ist eine der wenigen Flüssigkeiten im Auto, von der nicht die Lebensdauer irgendeines Bauteils abhängt, sondern ob das Auto überhaupt anhält. Und jetzt gibt es von ihr auch noch eine neue Variante.
In einfachen Worten: Die Bremsflüssigkeit überträgt die Kraft vom Pedal auf die Bremsen der Räder, und sie darf in der Hitze weder kochen noch in der Kälte dick werden. Daher ihre Anforderungen.
Was DOT 3, 4, 5.1 und 5 bedeuten
DOT ist keine Marke und kein Hersteller, sondern die Abkürzung für das US-Verkehrsministerium (Department of Transportation), dessen Standard FMVSS 116 die Mindestanforderungen an Bremsflüssigkeiten festlegt; die internationale Norm ISO 4925 kennt entsprechende Klassen 3, 4 und 5.1. Wie bei den Ölklassen gilt: Die Zahl auf dem Kanister ist ein Anforderungskatalog und kein Rezept (davon war schon im Artikel über Analoga und Ersatzprodukte die Rede).
Die wichtigsten Anforderungen sind zwei: der Siedepunkt und die Viskosität bei Frost. Der Siedepunkt wird zweimal geprüft – für die „trockene“, also frische Flüssigkeit, und für die „nasse“, die bereits etwa 3,7 % Wasser enthält:
| Klasse | Basis | Siedepunkt „trocken“, mindestens, °C | Siedepunkt „nass“, mindestens, °C | Viskosität bei −40 °C, höchstens, mm²/s |
|---|---|---|---|---|
| DOT 3 | Glykole | 205 | 140 | 1 500 |
| DOT 4 | Glykole | 230 | 155 | 1 800 |
| DOT 5.1 | Glykole | 260 | 180 | 900 |
| DOT 5 | Silikon | 260 | 180 | 900 |
DOT 3, DOT 4 und DOT 5.1 sind verwandt: Alle drei basieren auf Glykolen und lassen sich untereinander mischen, und eine größere Zahl bedeutet hier höhere Anforderungen an den Siedepunkt. DOT 5 dagegen ist eine ganz andere, silikonbasierte Flüssigkeit, und mit glykolbasierten wird sie auf keinen Fall gemischt: Eine einheitliche Mischung entsteht nicht, und Wasser, das in die Anlage gelangt ist, sammelt sich getrennt und zerfrisst das Metall. Lächeln Sie nicht: Wegen des Punkts und der Eins werden DOT 5 und DOT 5.1 tatsächlich verwechselt.
Und gleich eine Warnung: „Größere Zahl“ heißt nicht „besser für Ihr Auto“. Bei Frost kann DOT 4 nach der Norm sogar dickflüssiger sein als DOT 3. Auf welche Flüssigkeit die Bremsanlage ausgelegt ist, weiß nur der Fahrzeughersteller.
Klasse 6 und DOT 4 LV
Sehen Sie sich nun die letzte Spalte der Tabelle an. Eine gewöhnliche DOT 4 darf bei Frost bis auf 1 800 mm²/s eindicken. Ein modernes Auto bremst aber nicht nur mit dem Fuß des Fahrers: ABS und Stabilitätsprogramm (ESP oder ESC) senken und erhöhen den Druck in jedem Rad selbst und sehr schnell und drücken die Flüssigkeit dabei durch Ventile mit dünnen Kanälen. Versuchen Sie im Winter einmal, Honig durch eine dünne Kanüle aus einer Spritze zu drücken – ungefähr so geht es dem ABS-Block mit eingedickter Flüssigkeit bei Frost.
Deshalb kennt die Norm ISO 4925 noch die Klasse 6. Im Kern ist das eine glykolbasierte DOT 4, deren Viskosität bei −40 °C höchstens 750 mm²/s beträgt – mehr als halb so viel wie bei einer gewöhnlichen DOT 4 erlaubt –, und der Siedepunkt liegt sogar etwas höher: mindestens 250 °C „trocken“ und 165 °C „nass“. Es gibt auch eine Klasse 7: dieselbe niedrige Viskosität, aber mit Siedepunkten auf dem Niveau von DOT 5.1. Viele neue europäische Autos werden ab Werk gerade mit einer Flüssigkeit der Klasse 6 befüllt.
Meist wird eine solche Flüssigkeit als DOT 4 LV bezeichnet (vom englischen low viscosity – niedrige Viskosität); es kommen auch die Namen DOT 4+ oder Super DOT 4 vor. Bedenken Sie aber, dass diese Namen niemand schützt und mit einem „Plus“ auch einfach eine DOT 4 mit höherem Siedepunkt bezeichnet werden kann. Suchen Sie auf dem Etikett also nicht ein Wort, sondern die Klasse: „ISO 4925, Klasse 6“ (Class 6) oder DOT 4 LV.
Doch bevor Sie etwas nachfüllen, klären Sie, warum die Flüssigkeit weniger geworden ist. Meistens sind die Beläge abgenutzt: Die Kolben der Bremssättel sind weiter herausgefahren, und die Flüssigkeit aus dem Behälter ist ihnen gefolgt. Nach dem Wechsel der Beläge kehrt der Stand von selbst zurück, füllen Sie den Behälter also nicht „bis zum Hals“. Und wenn die Beläge noch dick sind und der Stand sinkt, suchen Sie nach einer Undichtigkeit, und zwar nicht im Laden, sondern in der Werkstatt.
Was füllt man dann nach?
1. Das, was der Fahrzeughersteller verlangt. Steht im Serviceheft oder in der Betriebsanleitung DOT 4 LV oder Klasse 6, füllen Sie genau diese nach. Wie die Geschichte mit der erstbesten Bremsflüssigkeit vom Automarkt ausging, steht im Artikel darüber, welche Betriebsflüssigkeiten man kaufen sollte.
2. Gewöhnliche DOT 4 lässt sich mit DOT 4 LV mischen, beide basieren auf Glykol. Die Mischung ist aber keine Klasse 6 mehr: Bei Frost wird sie stärker eindicken, als die ABS-Konstrukteure berechnet haben. Als Notlösung unterwegs geht das, bei der ersten Gelegenheit sollte man die Flüssigkeit aber komplett wechseln.
3. DOT 4 LV kann man in der Regel auch dort einfüllen, wo der Hersteller eine gewöhnliche DOT 4 verlangt, wenn auf dem Etikett die Übereinstimmung mit DOT 4 angegeben ist: Die Anforderungen von DOT 4 erfüllt sie mit Reserve, und bei Frost ist sie auch noch dünnflüssiger.
Warum die Flüssigkeit gewechselt werden muss, auch wenn sie nicht weniger wird
Glykolbasierte Bremsflüssigkeit ist hygroskopisch: Sie nimmt nach und nach Feuchtigkeit aus der Luft auf – durch die Öffnung im Deckel des Behälters, durch die Gummischläuche, bei jedem Öffnen des Deckels. Der Stand ändert sich dadurch nicht, der Siedepunkt aber sinkt: Frische DOT 4 muss nach der Norm bei mindestens 230 °C sieden, und mit etwa 3,7 % Wasser sinkt die Grenze auf 155 °C.
Was das bedeutet, ist leicht vorzustellen: lange Bremsung auf der Gefällstrecke => die Bremssättel glühen => das Wasser in der Flüssigkeit kocht => in der Anlage entstehen Dampfblasen => Dampf lässt sich im Gegensatz zu Flüssigkeit zusammendrücken => das Pedal fällt durch. Und das geschieht nicht auf dem Parkplatz, sondern gerade dann, wenn man die Bremsen am meisten braucht. Außerdem zerfrisst das Wasser langsam Bremssättel, Zylinder und ABS-Block von innen.
Deshalb wird die Wechselfrist der Bremsflüssigkeit in Jahren gerechnet und nicht in Kilometern: in der Regel alle zwei Jahre, unabhängig von der Laufleistung, die genaue Frist für Ihr Auto steht im Serviceheft (siehe die Notiz Wechseln Sie alle Flüssigkeiten). Ein Auto, das zwei Jahre in der Garage stand, braucht den Wechsel ebenso: Die Flüssigkeit nimmt Feuchtigkeit mit der Zeit auf, nicht mit den Kilometern. Und die Farbe sagt hier nichts – eine Flüssigkeit mit gefährlich viel Wasser kann völlig frisch aussehen. Den Wassergehalt oder den Siedepunkt zeigt nur ein Prüfgerät in der Werkstatt.
Kurz gesagt: Bremsflüssigkeit wählt man nicht nach der größeren Zahl und füllt sie nicht anstelle des Wechsels nach: Man füllt die ein, die der Fahrzeughersteller verlangt, und wechselt nach der Frist aus dem Serviceheft. Und wenn der Wechsel wie eine überflüssige Ausgabe wirkt, erkundigen Sie sich zum Vergleich nach dem Preis eines neuen ABS-Blocks.
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