Universal-ATF: Was bedeutet eine Liste mit zwanzig Spezifikationen?

Oder: Warum verspricht ein einziger Kanister, in einen Toyota, einen Ford und einen Mercedes-Benz gleichermaßen zu passen?

In dieser Rubrik: 15 Artikel
  1. Kurz und bündig: zum Wechsel des Getriebeöls
  2. Die Wahl der Kühlflüssigkeit
  3. Kühlflüssigkeit
  4. Kurz und bündig: Getriebeöle
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  6. Ethylenglykol und andere Errungenschaften zum Schutz des Autos
  7. Anti-Gel-Additive im Winter einsetzen
  8. Was ist Frostschutzmittel?
  9. Frostschutzmittel heute: G12evo, G13 und warum die Farbe nichts verrät
  10. Bremsflüssigkeit DOT 4 LV: Was füllt man nach und wann wechselt man?
  11. ATF, CVT und DSG: Was gehört in moderne Getriebe?
  12. Welche Öle und Flüssigkeiten braucht ein Elektroauto?
  13. Getriebeöl: GL-4 oder GL-5, 75W-90 oder 80W-90?
  14. ZF TE-ML, MAN 341, MB 236: Was bedeuten die Freigaben für Getriebeöle?
  15. Universal-ATF: Was bedeutet eine Liste mit zwanzig Spezifikationen?

Die einfachste Antwort eines Verkäufers auf die Frage „Was kommt ins Automatikgetriebe?“ ist ein Kanister mit der Aufschrift „Multi-Vehicle ATF“. Die Liste auf der Rückseite beeindruckt tatsächlich: DEXRON-III, MERCON, Toyota T-IV, Nissan Matic J, Hyundai/Kia SP-IV, Honda DW-1, MB 236.14, ZF TE-ML 14A. Je länger die Liste, so die Logik, desto besser die Flüssigkeit. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sie in jedes Automatikgetriebe füllen darf.

Wie sich die Flüssigkeit für Automatikgetriebe von der für stufenlose Getriebe und Doppelkupplungsgetriebe unterscheidet, stand schon im Beitrag über Flüssigkeiten für Automatikgetriebe, CVT und DSG. Hier geht es um etwas anderes: was die lange Spezifikationsliste auf einem Kanister wirklich bedeutet und wer hinter jeder ihrer Zeilen steht.

Kurz gesagt: Universal-ATF (Multi-Vehicle-ATF) ist eine Flüssigkeit, für die der Hersteller selbst erklärt, dass sie sich für Automatikgetriebe vieler Marken eignet. Er erklärt es, wohlgemerkt: Die meisten Fahrzeughersteller, deren Namen auf dem Etikett stehen, haben diese Flüssigkeit weder geprüft noch freigegeben. In unserem Katalog der Flüssigkeiten für Automatik-, stufenlose und Nasskupplungsgetriebe stehen rund hundert Einträge. Bei der Hälfte davon nennt die Liste mindestens 13 Bezeichnungen, bei drei Dutzend mehr als zwanzig, und die Rekordhalterin kommt auf 61.

Drei Teile einer Liste

Die Liste im Datenblatt einer solchen Flüssigkeit besteht in der Regel aus drei Teilen, und auf den Unterschied zwischen ihnen kommt es an.

1. „Approved“, „licensed“. Das ist eine Freigabe oder Lizenz: Der Fahrzeughersteller oder der Getriebehersteller hat die Flüssigkeit geprüft und in seine Liste aufgenommen. Mal gibt es keine einzige solche Zeile, mal gut zehn. Bei Pkw-„Multi-Vehicle“-Flüssigkeiten sind es meist eine oder zwei (etwa DEXRON-VI und MERCON LV); lange Freigabelisten haben vor allem Flüssigkeiten für Automatikgetriebe von Lkw und Bussen (ZF, MAN, Voith) und für ältere Mercedes-Benz. Entscheidend ist also nicht die Zahl der Freigaben, sondern ob die Freigabe für Ihr Getriebe dabei ist.

2. „Meets“, „exceeds“. „Erfüllt die Anforderungen“ oder „übertrifft“: Das ist schon eine Erklärung des Flüssigkeitsherstellers selbst, geprüft hat sie niemand sonst.

3. „Recommended for use where … is required“, „suitable for“. „Empfohlen dort, wo … gefordert wird“ – der längste Teil der Liste, und gerade er macht die Flüssigkeit „universell“. Auch hier steht nur das Wort des Flüssigkeitsherstellers dahinter, nur noch vorsichtiger formuliert.

In einem typischen Datenblatt einer Universalflüssigkeit stehen in der Freigabezeile zwei Namen (DEXRON-VI von GM und eine Volvo-Spezifikation), zwei weitere unter „erfüllt die Anforderungen“, und in der Tabelle „empfohlen für Anwendungen, die … verlangen“ stehen über hundert Bezeichnungen von dreieinhalb Dutzend Marken. Und im selben Dokument heißt es ehrlicherweise: Die Fahrzeug- und Getriebehersteller haben diese Flüssigkeit für diese Anwendungen weder bewertet noch freigegeben. Diese Tabelle enthält also keine Freigaben, sondern die Meinung des Flüssigkeitsherstellers darüber, wohin man sie füllen kann.

Wie Sie jeden solchen Aufdruck prüfen, steht im Beitrag wie Sie eine Ölfreigabe überprüfen; für ATF gilt dieselbe Regel.

DEXRON, MERCON und ATF+4: Namen mit Lizenz

Die amerikanischen Fahrzeughersteller haben die Namen ihrer Flüssigkeiten als Marken eintragen lassen und vergeben dafür Lizenzen. DEXRON ist eine Lizenz von GM, MERCON eine Lizenz von Ford. Im Datenblatt einer lizenzierten Flüssigkeit steht neben dem Namen die Lizenznummer: Bei GM besteht sie aus Buchstaben und Ziffern, die Ford-Nummern für MERCON LV beginnen mit MLV. Auch Chrysler begann 2005, seine ATF+4 zu lizenzieren.

Schauen Sie aber, welche dieser Namen auf „universellen“ Kanistern am häufigsten auftauchen:

Aufdruck auf dem Kanister Von wem Status
DEXRON-II, DEXRON-III GM Lizenzen für DEXRON-III liefen Ende 2006 aus, Nachfolger ist DEXRON-VI
DEXRON-VI, DEXRON HP GM werden lizenziert, die Lizenznummer muss im Datenblatt stehen
MERCON Ford Lizenzierung 2007 eingestellt, Ford ersetzte MERCON durch MERCON V
MERCON V, MERCON LV, MERCON ULV Ford drei verschiedene Flüssigkeiten, die sich nicht gegenseitig ersetzen
ATF+4 Chrysler Lizenzierung 2005 aufgenommen

Folglich ist der Aufdruck „DEXRON-III“ oder einfach „MERCON“ auf einem neuen Kanister immer nur eine Erklärung, selbst wenn er im Datenblatt noch unter den Freigaben steht: Gültige Lizenzen für diese Namen gibt es seit 2007 nicht mehr. In unserem Katalog nennen 47 Flüssigkeiten DEXRON-II oder DEXRON-III, 32 das schlichte MERCON, und eine Lizenz oder Freigabe für irgendein DEXRON oder MERCON haben nur wenige.

Eine ältere Flüssigkeit durch eine neuere ersetzt der Getriebehersteller, nicht der Verkäufer. Ford selbst hat entschieden, dass Getriebe, die MERCON verlangen, heute mit MERCON V gewartet werden. MERCON LV dagegen darf nach Fords eigenen Worten nicht dort eingefüllt werden, wo MERCON V oder ULV vorgeschrieben ist, und MERCON ULV nicht dort, wo V oder LV verlangt wird. Es gibt Flüssigkeiten mit zwei Lizenzen, DEXRON-VI und MERCON LV, und ein Getriebe, das eine von beiden verlangt, verträgt sie. Aber zwei Lizenzen sind zwei Lizenzen und nicht zwanzig.

Japanische, koreanische und europäische Bezeichnungen

Toyota T-IV und WS, Honda ATF Z-1 und DW-1, Nissan Matic D, J, K und S, Hyundai/Kia SP-III und SP-IV, Mitsubishi SP-III sind weder Qualitätsklassen noch Normen, sondern Namen herstellereigener Flüssigkeiten des jeweiligen Fahrzeugherstellers. Die Aisin-Warner-Spezifikationen JWS 3309 und 3324 stehen auf den Datenblättern meist zusammen mit T-IV und WS: Das sind Nummern des Lieferanten der Getriebe selbst. In unserem Katalog stehen japanische und koreanische Bezeichnungen bei etwa fünfzig Flüssigkeiten, und nur bei einer einzigen ist eine solche Bezeichnung als Freigabe eingetragen. Bei allen anderen heißt es „erfüllt“ oder „empfohlen“.

Und was sagen die Fahrzeughersteller selbst? Toyota schreibt in einem Service-Bulletin zur Flüssigkeit WS unmissverständlich: Sie sei weder mit T-IV noch mit DEXRON verträglich, und Additive oder Fremdflüssigkeiten, die als „kompatibel“ oder als Ersatz gelten, könnten Schaltprobleme verursachen und das Getriebe beschädigen. Zwei Bezeichnungen, die auf dem „universellen“ Kanister durch ein Komma getrennt nebeneinanderstehen, sind für Toyota selbst also unverträgliche Flüssigkeiten.

Bei den europäischen Bezeichnungen ist es umgekehrt: Hier lässt sich tatsächlich etwas prüfen. Mercedes-Benz veröffentlicht eine öffentlich zugängliche Liste der freigegebenen Betriebsflüssigkeiten mit eigenen Blättern 236.x für Automatikgetriebe (Blatt 236.17 zum Beispiel gilt für Neungangautomaten), und in jedem Blatt stehen konkrete Flüssigkeitsnamen. Steht eine Flüssigkeit nicht im Blatt, bedeutet „MB 236.14“ auf ihrem Kanister nur eine Erklärung. ZF führt eigene TE-ML-Listen; was deren Nummern und Buchstaben bedeuten, steht im Beitrag über die ZF-TE-ML-Freigaben. Und Codes wie VW G 052 162 oder G 055 025 sind gar keine Normen, sondern Teilenummern der Original-Volkswagen-Flüssigkeiten.

Besonders anschaulich ist das Beispiel ZF. Über die Flüssigkeit für seine Achtgang-Automatikgetriebe 8HP schreibt ZF eindeutig: In diese Getriebe darf nur ZF LifeguardFluid 8 oder 9 (oder dieselbe Flüssigkeit in der Verpackung des Fahrzeugherstellers) gefüllt werden, denn andere Öle könnten alles Mögliche anrichten, von merklich schlechterem Schalten bis zum Ausfall des Getriebes. Dabei steht bei manchen Universalflüssigkeiten unter „geeignet dort, wo … verlangt wird“ auch LifeguardFluid 8. Wem man glauben soll, dem Getriebehersteller oder dem Flüssigkeitshersteller, ist, denke ich, eine rhetorische Frage.

Warum eine Flüssigkeit nicht für alle taugen kann

Die Sache ist die: Die Flüssigkeit im Automatikgetriebe schmiert nicht nur. Die Lamellenkupplungen (Lamellenpakete) und die Überbrückungskupplung des Drehmomentwandlers funktionieren gerade dank der Reibung in der Flüssigkeit, und der Getriebehersteller stimmt das Getriebe auf das Reibverhalten genau seiner Flüssigkeit ab: wie schnell die Lamellen „greifen“, wie sich die Flüssigkeit beim Schlupf verhält. ZF schreibt zum Beispiel ausdrücklich, dass die Schaltqualität von der auf das Getriebe abgestimmten Reibung der Flüssigkeit abhängt. Dazu kommen unterschiedliche Viskositäten (neuere Flüssigkeiten sind in der Regel dünnflüssiger als alte) und unterschiedliche Dichtungswerkstoffe.

Eine Universalflüssigkeit ist hier ein Kompromiss: Ihre Reibung ist für viele Getriebe akzeptabel, aber nicht exakt auf Ihres abgestimmt. Das ist ungefähr wie Schuhe in „Einheitsgröße“: Anziehen kann man sie, aber ob Sie darin weit kommen, ist eine andere Frage.

Bezeichnend ist, dass auch die Datenblätter von Universalflüssigkeiten angeben, wohin man sie nicht füllen darf. In einem steht ausdrücklich: nicht für stufenlose Getriebe, nicht für Doppelkupplungsgetriebe und nicht für neuere Automatikgetriebe von Mercedes-Benz (Blätter 236.12, 236.14, 236.15 und 236.16). „Für alle“ heißt in Wahrheit also „für viele, aber nicht für alle“.

Wann Universal-ATF sinnvoll ist und wann nicht

Eine Universalflüssigkeit ist in zwei Fällen angebracht.

1. Auf dem Kanister steht genau die Freigabe oder Lizenz, die in Ihrem Serviceheft eingetragen ist. Verlangt Ihr Getriebe zum Beispiel DEXRON-VI und steht im Datenblatt der Flüssigkeit DEXRON-VI in der Lizenzzeile, mit Nummer, dann ändern zwanzig weitere Namen daneben nichts: Für Ihr Getriebe ist es einfach DEXRON-VI.

2. Der Fahrzeughersteller hat den Ersatz selbst erlaubt. Ford wartet alte MERCON-Getriebe mit MERCON V, und GM erlaubt für seine älteren Automatikgetriebe meist DEXRON-VI. Suchen Sie dann auf dem Kanister die Lizenz oder Freigabe genau für diese neuere Flüssigkeit, und gibt es sie nicht, nehmen Sie die Originalflüssigkeit des Fahrzeugherstellers.

Dagegen kommt nur die Flüssigkeit des Fahrzeugherstellers (oder eine mit dessen Freigabe) in diesen Fällen infrage.

1. Das Auto hat noch Garantie. Nehmen Sie nur die Flüssigkeit aus dem Serviceheft, sonst verlieren Sie den Streit mit dem Vertragshändler nach einem Schaden höchstwahrscheinlich.

2. Moderne Acht-, Neun- und Zehngangautomaten. Für ZF 8HP gilt nur LifeguardFluid 8 oder 9, für die Neungangautomaten von Mercedes-Benz eine Flüssigkeit aus Blatt 236.17, für die Zehngangautomaten von Ford und GM ULV-Flüssigkeiten.

3. Stufenloses Getriebe und „nasses“ Doppelkupplungsgetriebe. Deren Flüssigkeiten sind nicht einmal untereinander austauschbar, und die Datenblätter von Universal-ATF schließen sie nicht selten ausdrücklich aus.

4. Ein Automatikgetriebe, für das im Serviceheft eine japanische oder koreanische herstellereigene Flüssigkeit eingetragen ist. Hinter einer Zeile „T-IV“, „Matic J“ oder „SP-IV“ auf einem Universalkanister steht in der Regel außer dem Flüssigkeitshersteller niemand, und was Toyota von „kompatiblen“ Flüssigkeiten hält, haben wir schon gehört.

Ich wiederhole es noch einmal: Eine lange Liste auf einem Universal-ATF-Kanister besteht nicht aus zwanzig Freigaben, sondern aus ein paar Freigaben (oder gar keiner) und im Übrigen aus Versprechen. Suchen Sie darin den Namen aus Ihrem Serviceheft und schauen Sie, in welchem Teil der Liste er steht. Die Originalflüssigkeit ist teurer als die universelle, die Reparatur eines Automatikgetriebes unvergleichlich teurer als beide; wo Sie sparen, entscheiden Sie also selbst.

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